"Das ist nicht wie bei ,Black Beauty’"
Sperberslohe Sperberslohe (EK) Hendrik Fiegel hat eine große rosa Straßenmalkreide ergriffen. Etliche Kinder und Jugendliche sehen ihm gebannt zu. Mit weiter Geste holt der weißhaarige Mann aus und zeichnet Striche und Linien – auf das Fell eines Ponys, das sich das geduldig gefallen lässt.
Die Pferdezuchtgenossenschaft Holledau (PZG) hat am Dienstag zu einem Jungzüchtertag auf das Hofgut Sperberslohe bei Workerszell eingeladen. Damit will die PZG den Nachwuchs animieren, sich grundlegend mit Pferden zu befassen und Dinge zu erfahren, die weit über das hinaus gehen, was ein Reiter wissen muss. Fast 30 Kinder und Jugendliche aus der gesamten Region sind gekommen, um das kostenlose Angebot zu erleben.Eine Stippvisite in die weite Welt der Straßenmalerei gehört freilich nicht dazu. Fiegel ist Zuchtberater bei der Landesanstalt für Landwirtschaft und zeigt seinen jungen Zuschauern, worauf sie bei der Beurteilung von Pferden achten müssen. „Die Wirbelsäule sollte wie ein liegendes S aussehen“, erläuterte er am Pony, und nutzt die rosa Kreide zu Illustrationszwecken. „Das S haben wir hier optimal“, erläutert er weiter und setzt einen weiteren großzügigen rosa Strich. Doch nicht alles ist perfekt an dem Tier. Fiegel fordert die Kinder und Jugendlichen auf, versteckte Mängel zu entdecken und das Pony schließlich zu bewerten – ganz, als ob sie richtige Züchter wären. Er fordert seine Zuschauer auf, wie richtige Züchter, Noten zu vergeben. Eine Acht entspricht der Note „gut“. Hals, Schulter und „Oberlinie“, also der Teil des Pferdes, auf dem der Reiter sitzt, oder Hinterhand passen. Hier vergibt die Jury Noten zwischen Sechs und Acht. Der Zuchtberater nickt zustimmend. Nun widmet sich das Preisgericht dem „Fundament“, sprich den Beinen. „Vorne sind die Zehen zu eng. Das ist negativ“, kritisiert Fiegel. Da gibt es nur eine Fünf. Das Gleiche gilt für die Hinterbeine. Ein richtig gutes Pony ist es also nicht, aber hat es einen sanften Charakter.
Gleich mehrere Stationen auf Gut Sperberslohe halten Informationen für angehende Züchter bereit: „Ein Pferd sieht vorne und hinten nichts. Sein Gesichtsfeld ist seitlich angelegt“, erläutert Anita Schwarz, die Vorsitzende der PZG. Die Kinder hören aufmerksam zu. Viele sind zum wiederholten Mal dabei – den Jungzüchtertag gibt es bereits in der vierten Auflage. Einige betreten allerdings völliges Neuland. Das Programm ist so gewählt, dass jeder Teilnehmer nach diesem Tag mehr über Rösser weiß.
Beispielsweise sind Pferde Fluchttiere und reagieren entsprechend, wenn sie etwas erschreckt. „Das ist nicht wie bei Black Beauty. Die rennen einen um“, erläutert Angelika Gröner vom Verband. Es sei denn, die Tiere erkennen den Menschen als ranghöher an und haben Respekt. Um sich aber als „Chef“ zu etablieren, muss man wissen, wie Pferde „ticken“.
Im Reitstall üben die Kinder mit Yvonne Betz von Gut Sperberslohe das Longieren, und Artur Landes berichtet kindgerecht über Pferdegesundheit. Da vergleicht er etwa eine Kolik bei den Rössern mit Bauchgrimmen bei den Kindern. Seine jugendlichen Zuhörer lauschen aufmerksam. Sie wissen: Eine Schnitzeljagd mit Wissensfragen wird diesen Tag beenden.
„Jeder Verein macht Nachwuchsarbeit“, erläutert Angelika Gröner. „Wir haben erkannt, dass wir das auch tun müssen.“ Denn die Pferdezüchter werden durchschnittlich immer älter und nicht wenige geben auf. So wie Angelika Gröner selbst. Von der Pferdezucht könne in Bayern niemand leben. Züchter und Händler aus dem norddeutschen Raum, aus Polen und Russland drängten hinein und machten die Preise kaputt. „Das ist ein hart umkämpfter Markt.“ Pferde kann man heute für unter 1000 Euro kaufen. „Aber schon allein das Einreiten kostet um die 2000 Euro“, sagt Gröner. Zudem steigen die Futterpreise. Gute Zuchtstuten seien teuer, ebenso die Deckhengste. Und für den Züchter gebe es nicht nur schöne Momente wie die Geburt eines Fohlens. Tiere würden krank, verletzten sich, erwiesen sich als unverkäuflich.
Solche Veranstaltungen wie der „Jungzüchtertag“ sollen dem Nachwuchs Appetit auf eine eigene Zucht zu machen. „Das ist die Vorstufe, um beim Verband einzusteigen.“ Hier werde ein breites Basiswissen vermittelt, das heute vielfach verloren gegangen ist. Erst kürzlich hat sich Angelika Gröner eine alte Heeresdienstordnung für die Kavallerie aus dem Kaiserreich besorgt. „Weil hier nicht nur erklärt wird, wie man etwas macht, sondern warum man etwas macht.“
Von militärischem Drill kann in Sperberslohe nicht die Rede sein, doch wissen die Kinder nun, wie sie ein Pferd durch ihre Stimme und die Körpersprache beeinflussen können: Lange und tiefe Töne beruhigen die Tiere, lautes Sprechen macht sie nervös.
Von Josef Bartenschlagerund Elisabeth Heiß
