21.06.2012 | 18:24 Uhr
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Ohne Strickzeug fehlt ihr was

Alfershausen Alfershausen (HK) Der Begriff „rührige Seniorin“ ist längst zum geflügelten Wort geworden. Aber auf Maria Huf aus Alfershausen trifft er im Besonderen zu. Denn die 78-Jährige rührt ihre Hände und Finger aus Leibeskräften: Sie strickt nahezu ohne Unterlass.

Alfershausen: Ohne Strickzeug fehlt ihr was
Maria Huf bei ihrer Lieblingstätigkeit, dem Stricken. Das befreundete Ehepaar Rolf und Martha Künast (von links) präsentiert schon mal die fertigen Ergebnisse - Foto: Leykamm
Wenn Besuch kommt, legt Maria Huf die Nadeln freilich auch mal kurz aus der Hand. Um Kaffee zu kochen und zu servieren und sich bei einem Stückchen Kuchen gemütlich zu unterhalten. Aber dann packt sie die Stricklust gleich wieder. Ihr Gast darf natürlich trotzdem da bleiben – und am besten gleich mit stricken. Sowie Martha Künast, mit der sie oft gemeinsam die Nadeln schwingt. Auch wenn ihre Freundin in Sache Tempo und Kunstfertigkeit nicht so ganz mithalten kann.

Oft schaut auch deren Mann Rolf Künast vorbei und sieht nach dem Rechten. Wenn etwa eine gerade angeschaffte Nähmaschine nicht so richtig will und wieder zum Verkäufer zurückgebracht werden muss. In der Zwischenzeit tauscht sich das Damenduett namens Martha und Maria über neue Strickmuster aus. Die Namenskombination erinnert stark an das Neue Testament. Und auch für die beiden Schwestern der biblischen Erzählung war Handarbeit wohl ein Thema, wenn die Erfindung der eigentlichen Strickkunst damals allerdings noch das eine oder andere Jahrhundert auf sich warten ließ. Maria Huf beherrscht sie heutzutage auf ihre Weise perfekt. Denn natürlich hat auch sie einen eigenen Stil entwickelt. Doch der klingt zunächst einmal überraschend klassisch: „Eine rechts, eine links.“ Aber ein kleines Geheimnis hat sie dennoch. Sie strickt die Maschen nicht nur in abwechselnder Seitenfolge, sondern dreht jede einzelne von ihnen einmal um. Das verleiht den fertigen Kleidungsstücken einen geflochtenen Charakter und sieht einfach gut aus. Gerade hat sie eine Jacke für den Urenkel fertig gestrickt. Aus dem Wollrest macht sie nun eine Mütze. Bleibt dann noch was übrig, fertigt sie daraus beispielsweise Stirnbänder oder kleine Handschuhe für Babys. Weggeworfen wird so gut wie gar nichts.

Der Bedarf aus der Verwandtschaft ist enorm: Zehn Urenkel und zehn Enkel gilt es zu versorgen. „Da kann ich genug stricken“, sagt die 78-Jährige lachend. Ihr großer Hit sind die Hüttenschuhe, die sie auch gerne der meisten Verwendung gemäß „Fernsehschuhe“ nennt. Am liebsten verpasst sie ihnen Fransen in Knöchelhöhe. Auf Kundenwunsch lässt sie die aber auch gerne weg.

Interessenten für ihre Produkte gibt es oft gleich blockweise. Derzeit macht sie sich daran, einen ganzen Reiterhof bei Freystadt zu bestricken. Aktuell zur Fußball-EM hat Huf bereits die Kicker aus Heideck mit Mützen in den drei deutschen Farben ausgestattet – bald sind auch die Exemplare für die Ballsportler aus Eysölden fertig. Überhaupt mag es Huf, mehrfarbig zu stricken. Für wen sie da gerade was produziert, ist für sie hingegen eher zweitrangig. Ob mit oder ohne Auftrag laufen bei ihr die Nadeln heiß: Für Bekannte und Verwandte, für Konfirmanden und Senioren. Die Träger der Hufschen Strickkunstwerke erregen nicht selten auch jenseits der Landkreisgrenzen Aufsehen und den Wunsch, auch solche zu besitzen. So finden sich beispielsweise die Hüttenschuhe der gebürtigen Schlesierin mittlerweile in Berlin und Österreich wieder, aber auch in Schweden und Spanien. Ihr internationaler Bekanntheitsgrad steigt also. Und das, obwohl sie als Kind nicht selten den Handarbeitsunterricht einfach geschwänzt hat, wie sie bekennt. Nach der Schule entdeckte sie dann ihre Leidenschaft fürs Stricken, von der bald alle ihre Kinder profitieren sollten.

Drei von ihnen leben heutzutage mit ihren Familien in der Region. Einen Sohn musste sie vor über fünf Jahren zu Grabe tragen. 2013 steht überdies ein trauriger Jahrestag an: Dann ist Huf seit 30 Jahren Witwe. Ein bisschen also scheint das Stricken auch therapeutische Funktion zu haben. Zumindest aber gibt die Dame offen zu: „Mich plagt die Langeweile. Ich will gar nichts verdienen, ich will nur ein bisschen was arbeiten.“ In ihrem Erwerbsleben war sie die meiste Zeit bei Grundig in der Produktion tätig und galt dort eigentlich in jedem Bereich als Könnerin. Nun lässt sie ihre Fingerfertigkeit vollends in ihre Strickkunst fließen. Stark nachgefragt werden derzeit neben den Hüttenschuhen die sogenannten Rundschals, aus denen man mit ein paar geschickten Handgriffen eine Schal-Mützen-Kombination zaubern kann. Die fertigen Textilien füllen mittlerweile ganze Wäschekörbe. Bei zwei Mützen beziehungsweise zwei Hüttenschuhen liegt Hufs täglicher Output. Auch zu Feierlichkeiten nimmt sie das Strickzeug immer mit. Einmal hat sie es nicht getan – und ist prompt eingeschlafen. Wenn sie wiederum spät nachts mal nicht schlafen kann, greift sie ebenso zu den Stricknadeln. Das sei fast schon wie eine Sucht, räumt sie ein. Aber eben eine gesunde. Von der sie und andere profitieren.

 


Von Jürgen Leykamm
 
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