Punktlandung am Abladeplatz
Ingolstadt Ingolstadt (DK) Audi steuert den Lkw-Verkehr ins Werk und zum Güterverkehrszentrum (GVZ) II seit einigen Monaten über ein Telematiksystem. Der Erfolg ermuntert die Logistiker, bereits über eine weitergehende Fernlenkung nachzudenken, die den Fahrern schon weit vor der Stadt genaue Zeitkorridore zuweist.
Just in time – die englische Formel für die zeitlich exakt auf die Bedürfnisse der Fabrik abgestimmte Anlieferung der von außen eingekauften Bauteile – ist schon seit vielen Jahren ein Begriff in der produzierenden Wirtschaft, insbesondere in der Automobilindustrie. Allerdings bestand lange nicht die Möglichkeit, die passenden Zeitfenster derart genau anzupeilen, wie es nunmehr mit modernster Kommunikations- und Ortungstechnik möglich ist.Die Fortschritte in der Handytechnik und vor allem auch die Positionsbestimmung per GPS-Signal haben es im Verbund mit neuen elektronischen Steuerprogrammen für Logistik möglich gemacht, dass zum Beispiel der VW-Konzern seine Zuliefertransporte zunehmend exakter takten kann.
Was zuvor in einem Pilotprojekt im Wolfsburger VW-Werk getestet wurde, ist seit Anfang des Jahres bei Audi in Ingolstadt nun bewährte Praxis: Die bis zu 600 Transporter (darunter ca. 450 große Lkw), die werktäglich hier aufkreuzen, um frisches Material für die Produktionsstraßen abzuladen, werden seit Februar von der neuen Lkw-Leitstelle beim Hochkreisel am Rande des GVZ II aus möglichst punktgenau eingewiesen. Audi spricht von einer dadurch bereits erzielten täglichen Reduzierung der Verweilstunden der „Brummis“ um ca. 100 Stunden. Generell, so heißt es, werde die Verkehrsbelastung rund ums Werk etwas reduziert.
Das neue System funktioniert so: Alle Zulieferer oder ihre Spediteure haben die Möglichkeit, sich in Abstimmung mit Audi gewisse Zeitfenster für die Ankunft der Ware im Werk oder (für den weitaus größeren Teil) im GVZ II auszusuchen. Es wird (grundsätzlich auch schon länger) darauf geachtet, den Erfordernissen der Schichten entsprechend den Fernverkehr, der ganz überwiegend vom A-9-Anschluss Lenting her anrollt, rund um die Uhr zu verteilen, sodass erst gar keine größeren Staus im Ingolstädter Norden programmiert werden. Für immer denkbare Verzögerungen durch etwaige Behinderungen auf der Autobahn werden gewisse Ausweichfenster frei gehalten.
Jeder Lkw-Fahrer fährt zunächst direkt den großen (öffentlichen) Parkplatz bei der Leitstelle an und meldet seine Fuhre dort an einem der Schalter an, wo Audi-Disponenten den jeweiligen Lkw in das elektronische Steuerprogramm eingeben und dem Fahrer ein Handy aushändigen. Er kann anschließend in seinem Lkw warten, bis er per SMS-Meldung (die seiner Nationalität entsprechend in seiner Landessprache einläuft) zum Anfahren des genauen Zielpunktes aufgefordert wird. So kommt seine Ladung praktisch auf die Minute genau an.
Wenn er weitere Zielpunkte anzufahren hat, bekommt der Brummifahrer dies ebenfalls per SMS mitgeteilt. Am Ende seiner Tour gibt er das Werkshandy an der letzten Station ab und kann abfahren, ohne die Leitstelle erneut anzusteuern. Das Handyprinzip hat auch den Vorteil, dass bei Problemfällen – sollte sich jemand mal verfahren – der Standort des letzten Funkkontaktes in der Zentrale geortet werden und der Fahrer dann über direkten Sprechkontakt gelotst werden kann. Eine ständige Überwachung und Speicherung der Standorte werde aber nicht vorgenommen, wird bei Audi betont.
Wie Johannes Marschall, Leiter der Werklogistik, und Torsten Müller, Chef der Abteilung Logistik-Service, jetzt bei der Vorstellung des Projekts erklärten, stellt sich der VW-Konzern mittelfristig eine weitere Verfeinerung des Systems vor: Bis etwa 2015 möchte man in Ingolstadt dahin kommen, dass ca. 80 Prozent der Speditionsfahrer (jener Anteil, der regelmäßig das Werk anfährt), schon bei der Anfahrt weit vor der Stadt über ein permanent zur Verfügung gestelltes Werkshandy die Kommunikation mit der Steuerzentrale aufnehmen. Dann könnten die Zeitfenster noch kleiner, also präziser gehalten werden, und der Lkw praktisch im „Landeanflug“ auf Ingolstadt minutengenau an seine Entladestation dirigiert werden. Der Einstieg in eine Testphase soll bereits diesen September gemacht werden.
Von Bernd Heimerl
