Eine Tragödie ohne Erklärung
Aichach Aichach (DK) Angedeutet habe sich nichts, die Tragödie kam für alle unerwartet. Der am Sonntagabend in Aichach von einem Polizisten – mutmaßlich in Notwehr – nach einer Axt-Attacke erschossene 47-Jährige konnte Nachbarn zufolge zwar aufbrausend sein, ist aber „vorher noch nie so ausgerastet“.

Der Tatort: In dieser Wohnanlage in Aichach wurde am Sonntagabend ein 47-jähriger Mann durch eine Polizeikugel getötet, der zuvor mit einer Axt auf einen Nachbarn und die Beamten losgegangen war.
Einer der Nachbarn sitzt auf einer Holzbank an einem Tisch hinter jenem Eingang, der zu seiner und auch der Waohnung von Djordjo A. führt. Dass dieser von Boulevardmedien nun als „Irrer mit der Axt“ beschrieben wird, trifft den massigen Mann schwer. „Der Djordjo hat mich schon gekannt, als ich noch ein Bub war“, erzählt er, und dass die Eltern befreundet gewesen seien. Früher habe man sich über Gott und die Welt unterhalten, nach und nach sei der Kontakt schließlich etwas eingeschlafen. Ob das daran lag, dass Djordjo A. im Jahr 2000 seine Kneipe in Aichach verlor, in der „wir legendäre Partys gefeiert haben“, kann der Nachbar nicht sagen – und auch nicht, ob und wie stark ihn die Scheidung und die darauf folgende Einsamkeit mitgenommen hatten.
„Ich weiß es nicht, er wollte mit niemandem mehr reden. Wenn man ihn bloß gefragt hat, wie’s ihm geht, gingen sofort alle Klappen runter. Der war wie ein Hochsicherheitstrakt: Da kam keiner rein und nix raus.“ Immer stiller sei der alte Freund geworden, immer verschlossener. Aggressiv oder gar gewalttätig sei A. jedoch nicht gewesen – zumindest bis zum vergangenen Sonntag.
Der Nachbar dreht eine unangezündete Zigarette zwischen seinen Fingern. Er stand am Fenster, als sich am Sonntag all das entlud, was sich in Djordjo A. in den vergangenen Jahren angestaut hatte. Er hat seinem Freund noch zugebrüllt „Lass doch den Scheiß!“. Doch Djordjo habe nicht auf ihn gehört, als er mit der Axt hinter dem 22-Jährigen her rannte und dann auf eine Haustür eindrosch, habe im Vorbeilaufen nur gefragt „Willst du auch eine drüber“. Worum der Streit mit dem Jüngeren ging? „Keine Ahnung. Um nichts. Blödsinn. Ich hab mir dann nur noch gedacht: Was für ein Kindergarten.“ Später hat der große Mann dann gehört, als die Polizisten kamen. „Ganz ruhig und freundlich“ seien die gewesen, hätten höflich an die Tür von Djordjo A. geklopft und diesen gebeten, doch kurz herauszukommen. Wenig später hat er dann den gewaltigen Schlag gehört, als der 47-Jährige die Axt zunächst von innen gegen seine Wohnungstür drosch, diese dann aufriss und auf die beiden Polizisten losging. Dann fiel der Schuss. „Und irgendwann später hat mir ein Polizist gesagt, dass er es nicht geschafft hat.“ Jetzt zündet der Nachbar sich die Zigarette an.
Für Rudolf Rothhammer, den Leiter der Aichacher Polizeiinspektion, war Djordjo A. bisher ein unbeschriebenes Blatt. Nichts sei dran an der Behauptung, man habe wegen dieses Mannes immer wieder Streifen zu dem Wohnblock schicken müssen. „Das ist nicht korrekt“, sagt Rothhammer. Er war am Sonntagabend selbst am Ort des Geschehens. „Sehr angespannt“ sei der Kollege gewesen, der den Schuss abgegeben habe, doch „wenn das Adrenalin weg ist, kommen die Emotionen.“
Natürlich sei der Beamte vom Dienst freigestellt, natürlich werde er psychologisch betreut, natürlich „helfen auch die Kollegen von der Dienststelle hier, so gut sie können. Er muss das Gefühl haben, dass man für ihn da ist.“ Deshalb hält Rothhammer auch nicht viel davon, den Beamten zu lange zwangsweise vom Dienst zu befreien, denn „dann bekommt er womöglich das Gefühl, ausgegrenzt zu werden“. Der häufig kritisierte Korpsgeist der Polizei sei hier ein positives Element, in der Gruppe könne der Kollege aufgefangen werden, könne über das Erlebte sprechen, werde auf Verständnis stoßen. Letztlich aber müsse jeder seinen eigenen Weg finden, mit dem Geschehen umzugehen. „Da gibt es keine festen Regeln.“
Von Pat Lauer