Sie ist nicht tot – nur woanders
Mindelstetten Mindelstetten (DK) Sie hat eine große Reise nach innen und nach oben gemacht – die selige Anna Schäffer aus Mindelstetten, deren Heiligsprechung am 21. Oktober ansteht. Gestern kamen über 4000 Gläubige in ihrem Geburtsort zum Gebetstag. Immer wieder ein ganz besonderes Ereignis, sagen sie.
„Anna Schäffer ist eine ganz besondere Kraftquelle in meinem Leben und ein Vorbild“, sagt Christine Juhre aus Hilpoltstein. Zusammen mit zwei Bekannten ist sie schon gestern früh zum Pontifikalgottesdienst um 9 Uhr in der kleinen Gemeinde im Kreis Eichstätt eingetroffen. 1999 hat sie „das erste Mal bewusst am Gebetstag teilgenommen. Als junge Frau habe ich früher meine Eltern hergefahren. Aber damals hat es mir nichts bedeutet, erst später, als ich auf die religiöse Suche gegangen bin“, erzählt die 66-Jährige. Die Mindelstettenerin habe ihr aufgezeigt, wie man in extremen Situationen Durchhaltewillen zeigt.
Anna Schäffer war 1925 gestorben, nach langen, mit viel Geduld und größtem Gottesvertrauen ertragenen Leiden. Schon zu Lebzeiten hatte sie die Menschen fasziniert. Eine Frau aus einfachsten Verhältnissen, deren Dasein von Mühsal, Not, Schmerz und Rückschlägen geprägt war. Die aber im Glauben zu Gott immer wieder neue Kraft schöpfte. Mit zwölf Jahren schon hatte sie 1894 beschlossen, ihr Leben der Kirche zu widmen, und wollte Missionsschwester werden. Doch ein schwerer Arbeitsunfall beendete ihre Träume. Mit 19 Jahren rutschte sie im Stammhamer Forsthaus, wo sie sich als Magd die Aussteuer für den Ordensbeitritt verdienen wollte, in einen Kessel mit kochender Lauge und verbrühte sich beide Beine. Es begann eine Zeit jahrzehntelangen Leidens, in der Anna Schäffer aber nie verzagte. Vom Krankenlager aus spendete sie anderen Menschen Trost und betete mit ihnen. Sie, die selber nur noch mit fremder Hilfe bestehen konnte, richtete andere wieder auf, schenkte ihnen die Hoffnung zurück. Schon bald nach ihrem Tod gab es erste Hinweise auf Gebetserhörungen. Ihrer Seligsprechung 1999 folgt nun die Heiligsprechung – Papst Benedikt XVI. hatte eine wunderbare Heilung von schwerer Krankheit durch die Mindelstettenerin anerkannt.
Johanna Schwürzer wird bald 93. Sie hat „die Anna“ noch gekannt oder besser gesagt einmal kurz gesehen. „Da war ich sechs Jahre alt. Meine Mutter hat ihr was zu essen gebracht, die Leut' waren ja so arm. Ich sollte eigentlich draußen warten, aber dann hab' ich durch die Tür gelurt“, erzählt sie und lacht verschmitzt. An viel erinnert sie sich nicht mehr, vor allem aber an das mit Spitzen besetzte Kopfkissen der Kranken. Johanna Schwürzer besitzt noch eine Originalgrabrede von damals, „die hat mein Vater aufgehoben. Und ein Stück von einer Spitzentischdecke, die von der Anna gestickt worden ist.“ Solche Reliquien kursieren überall in der Gemeinde an der B 299. Man spürt den Stolz der Bewohner: „Es ist schon eine Ehre, wenn eine Heilige aus so einem kleinen Ort hervorgeht“, sagt etwa Betti Schweiger (78). Für Pfarrer Johann Bauer ist der gestrige Gebetstag ein ganz besonderer: „Man erlebt endlich, wofür man über Jahrzehnte gekämpft und gebetet hat“, freut er sich. Auch wenn die Vorbereitungen für die anstehende Heiligsprechung an den Kräften zehren.
Wer durch den Ort geht, merkt es gleich – Anna Schäffer mag tot sein, aber sie ist überall präsent. „Wir gehen mit unseren großen und kleinen Sorgen zu ihrer Grabstätte in der Kirche“, erzählt Rita Lang. „Dort trifft man auch immer Menschen. Und die Anna hört uns“, ist sie überzeugt. So wie damals, als ihre kleine, sechsjährige Nichte schwer krank und dem Tod nahe war. „Ich habe zur Anna gebetet, dem Kind zu helfen.“ Die Nichte ist heute 25 und die Krankheit vergessen.
Als gestern kurz vor 16 Uhr ein Regenguss herunterprasselt, flüchten die Leute in die Kirche. Am frühen Abend, die Sonne hat sich längst wieder durchgesetzt, bevölkern Tausende den Kirchplatz, die Regenschirme spenden jetzt Schatten. Mit Erzbischof Gerhard Ludwig Müller feiern sie den Abschluss eines denkwürdigen Tages.
Von Horst Richter
