22.02.2012 | 21:16 Uhr
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"Ude! Ude! Ude!"

Vilshofen Vilshofen (DK) Das erste Mal. Es gibt an diesem Aschermittwoch in Vilshofen vieles, das noch nie da gewesen ist. Zum ersten Mal hat die SPD ein eigenes Festzelt aufgebaut. Zum ersten Mal ist ein Bus mit Sozialdemokraten aus Ingolstadt gekommen. Zum ersten Mal gibt es auch einen Stand mit SPD-Devotionalien. Waffeleisen für Waffeln mit SPD-Schriftzug. Rote Quietscheenten.

Und zum ersten Mal warten 3500 Gäste auf den Hauptredner. Christian Ude. Münchner Oberbürgermeister. Hoffnungsträger für die Landtagswahl nächstes Jahr.

Eva Feßler, kurze graue Haare, bunter Wollhut, ist nicht zum ersten Mal da. Die ältere Dame setzt sich auf eine Bierbank in der ersten Reihe. Das sind eigentlich die Plätze für besondere Gäste. Für Landtagsabgeordnete, den DGB-Chef. Feßler ist das egal. Sie hört schlecht und will was verstehen.

Seit 66 Jahren ist Feßler SPD-Mitglied in Passau, hat schon für Wilhelm Hoegner Wahlkampf gemacht. Hoegner war der bisher einzige SPD-Ministerpräsident in Bayern. In den Fünfzigern war das. Wie oft sie beim Aschermittwoch in Vilshofen war, weiß Feßler nicht. Sechs Mal, zehn Mal? Auf jeden Fall war die Veranstaltung kleiner. Die SPD gastiert eigentlich im Wolferstetter Keller. Mit 400 Gästen, nicht mit 3500.

Um kurz vor zehn ist die Halle voll. Es riecht nach Weißwürsten und Fischsemmeln. Anhänger schwenken rote Fahnen. Bläser spielen den Radetzkymarsch. Sprechchöre. „Ude! Ude! Ude!“ Feßler legt ihren grünen Rucksack auf die Bank. Den Ude wolle sie heute endlich mal sehen, sagt sie. Ein „blendender Redner“ solle der sein. Und sie liebe gute Rhetoriker. Cicero zum Beispiel. Die Sprechchöre werden lauter. Rhythmisches Klatschen. Die Parteiführung betritt das Zelt. Allen voran: Christian Ude. Transparente werden hochgerissen, begleiten ihn durch die Reihen: „Ude in die Bude.“ „Landkreis Altötting grüßt unseren nächsten Ministerpräsidenten Christian Ude.“ Auch auf dem Land gilt der Städter Ude längst als Lichtgestalt.

Die Führung setzt sich. Weißbier wird serviert. Minutenlang blitzen Fotoapparate. Durch den Pulk drückt sich ein Kopf, rundes Gesicht, buschige Koteletten. Der Ortsvorsitzende aus dem Landkreis Regensburg will Autogramme. Fünf Parteibücher streckt er Ude entgegen. Dann geht es los.

Erst redet Bayerns SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen, dann Landeschef Florian Pronold. Laut wird es, als Sigmar Gabriel am Rednerpult steht. Die CSU sei „die Bayernpartei von gestern“, die SPD dagegen die „Bayernpartei von morgen“, ruft der SPD-Chef. Mindestlöhne, Leiharbeit, Finanzmärkte – die Union mache ungerechte Politik. Wulff, Guttenberg – Unionsvertreter lögen, stapelten hoch, träten bürgerliche Werte mit den Füßen. Jeder Hausmeister müsse in Bayern um seinen Job fürchten, wenn er kein CSU-Parteibuch habe, sagt Gabriel. Dann schreit er fast: „Bayern muss wieder den Bayern gehören und nicht der CSU.“ Wieder Ude-Sprechchöre im Zelt. Fahnenschwenken. Auch Eva Feßler erwähnt Gabriel. „Evi“ nennt er sie, obwohl er sie nicht kennt. Auch sie wünsche sich nach so vielen Jahren Parteiarbeit den Wechsel in Bayern. Feßler steht kurz auf, dreht sich, winkt.

Dann steht der Mann des Tages auf der Bühne. Er lacht ins Mikrofon. Als wolle er schon mal seine Stimme ausprobieren. Mit den Händen krallt sich Christian Ude an den Rändern des Rednerpults fest. Es geht um gebrochene Versprechen der CSU. Die ersten Pointen wirken etwas verworren. Trotzdem wohlwollendes Lachen im Publikum. Die Gäste wollen lachen, sie wollen, dass dem Spitzenmann diese Rede gelingt.

Nach etwa einer Viertelstunde fasst Ude Tritt. Die Sätze werden flüssiger, die Pointen präziser. Er rühmt seine Bilanz in München, setzt die üblichen Spitzen gegen die CSU wegen des Finanzdesasters bei der Landesbank. Für Aschermittwoch ist es eine ruhige Rede. Das hat Ude so angekündigt. Aber sie soll der jahrzehntelang erfolglosen Landespartei Selbstbewusstsein geben. Er behaupte nicht, dass die SPD 2013 sicher gewinnen werde, sagt Ude. Aber die Chancen, die CSU nach über 50 Jahren ablösen zu können, seien gut. „In Bayern gibt’s nur eine Partei, die 120 Jahre alt ist, das ist die Sozialdemokratie.“

Als Ude fertig ist, steht die Parteispitze auf der Bühne. Gruppenbild mit Weißbier. Unten steht Eva Feßler, sieht nach oben. „Der Ude, des is a ganz g’scheiter Mann“, sagt sie. „Wie in alten Zeiten. Einmalig gut.“ Dann nimmt sie ihren Rucksack – und kämpft sich durchs Gewühl.

 


Von Til Huber
 
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