Dürers Hauptwerk als Multimediashow
Nürnberg Nürnberg (DK) Als im Frühjahr 1945 der historische Alte Rathaussaal in Nürnberg bei einem Bombenangriff in Flammen aufging und bis auf die Grundmauern niederbrannte, war das nicht nur das Ende der zu ihrer Entstehung (1346) größten Halle eines Profanbaus nördlich der Alpen; zerstört wurde auch die größte Auftragsarbeit, die Albrecht Dürer zeit seines Lebens fertigte – ein „Denkmal des Humanismus“ und ein Juwel künstlerischer architektonischer Ausgestaltung.

Ausschnitt von Albrecht Dürers Triumphwagen: Das Foto entstand zwischen 1943 und 1945 vor der Zerstörung des Alten Rathaussaals durch einen Bombenangriff - Foto: Zentralinstitut für Zeitgeschichte München
Jetzt, zum Nürnberger Dürer-Jahr 2012, wird der zwar längst wieder aufgebaute, aber nicht mehr ausgemalte Rathaussaal mit seinen immer noch kahlen weißen Wänden mit einer „Multimedialen Zeitreise“ wieder zum Leben erweckt: Dürers Triumphzug wird in einer riesigen Panorama-Projektion an der Nordwand des Rathaussaales in Pomp und Pracht wiederauferstehen und die Geschichte seiner Entstehung und sein Schicksal durch mehr als fünf Jahrhunderte erzählen.
Was damit beginnt, dass dem Rat der Freien Reichsstadt Nürnberg nach dem Tod des beliebten Kaisers Maximilian I. (1519) für den ersten, traditionsgemäß in Nürnberg abzuhaltenden Reichstag des neuen Kaisers, Karl IV. der Rathaussaal zu schäbig erschien. Albrecht Dürer (1471–1528), damals auf dem Höhepunkt seines Ruhms, wurde beauftragt, den erweiterten Rathaussaal auszumalen, um mit seinen Bildideen dem verstorbenen Kaiser ein Denkmal zu setzen, zugleich aber seinem Nachfolger die Bedeutung der Reichsstadt Nürnberg augenfällig zu machen. Für die Nordwand des Saales ließ sich Dürer einen monumentalen „Triumphzug“ einfallen, in dessen Mittelpunkt der „Triumphwagen Kaiser Maximilians I.“ stand: gezogen von zwölf Schimmeln und begleitet von den zwölf Tugenden, sitzt der Kaiser im offenen, von der „Ratio“ gezogenen Wagen, umgeben von den vier Kardinaltugenden. Wenn auch dieses Fresko von 1521 nicht mehr erhalten ist, so gibt es doch einen achtteiligen, über zwei Meter hohen, 45 Zentimeter breiten und auf acht Foliobögen gedruckten Holzschnitt Dürers davon, bis heute in mehreren Auflagen erhalten. Mit dieser seiner größten Auftragsarbeit nobilitierte Dürer sich gleichsam zum „Staatskünstler“ seiner Zeit. Neben dem Triumphwagen schmückte den Saal, der auch als Gerichtssaal diente, noch das antike Motiv „Die Verleumdung des Apelles“ und der ebenfalls von Dürer gestaltete „Pfeifer-Stuhl“, von dem herab Tanzveranstaltungen von den Stadt-Pfeifern musikalisch umrahmt wurden.
Die Multimediashow, von einem lautstark auftrumpfenden, eigens dafür geschaffenen Soundtrack unterlegt, dokumentiert aber auch den Weg der Dürerschen Saalbemalung durch die folgenden Jahrhunderte: die erste Renovierung 100 Jahre später, die das vom Kerzenruß geschwärzte Fresko wieder auf Hochglanz brachte; die erste fotografische Dokumentation 1904/05 in Schwarz-Weiß-Ablichtungen, die einzige Reproduktion der ursprünglichen Bemalung; und die kriegsbedingte, von Hitler persönlich angeordnete Dokumentation in Farbdias von 1943 bis 1945.
Das Finale der „Zeitreise“ stellt eher eine Lokalposse dar: 1985 lud die Stadt Nürnberg Künstler zu einem Wettbewerb für ein neues Bildprogramm für den jetzt „historisch“ benannten Rathaussaal ein. Der renommierte Nürnberger Maler Michael Mathias Prechtl legte dafür eine Reihe von Entwürfen vor, die die Geschichte der Stadt Nürnberg in realistischen Bildern illustrierte, jetzt ebenfalls in der 14 Minuten dauernden Schau zu sehen. Selbstbewusst – wie sein Vorbild Dürer – erhobt Prechtl den Anspruch, konkurrenzlos zum neuen Meister der Ausmalung des Rathaussaales zu werden, worüber sich eine öffentliche Kontroverse entspann, zumal Werner Tübke, einer der bekanntesten Maler der DDR und Schöpfer des Bauernkriegs-Panoramas in Bad Frankenhausen, sich ebenfalls um die Ausmalung beworben hatte. Woraufhin Prechtl seine Entwürfe verschnupft zurückzog, der zerstrittene Rat der Stadt Nürnberg die Neubemalung abblies – und somit die Wände des Alten Rathaussaales bis heute in Weiß erstrahlen. Es sei denn, die neue Multimediashow bringt mit ihren Projektionen Licht ins Dunkel dieser Vergangenheit.
Historischer Rathaussaal Nürnberg, Rathausplatz 2. „Dürers Triumphzug – Eine multimediale Zeitreise“, Eintritt 2 Euro. Öffnungszeiten: Samstag, 4. August: 18 bis 21 Uhr; Sonntag, 5. August: 11 bis 18 Uhr; Mo., 6. August, bis Sonntag, 12. August: 10.30 bis 16.30 Uhr. Danach täglich zu den dann üblichen Besichtigungszeiten.
Von Friedrich J. Bröder